H&M kündigt in Spanien die Schließung von 28 Filialen für 2024 und 2025 an – rund 17 Prozent des Landesnetzes. Für Kundinnen, Mitarbeitende und Stadtzentren ist das mehr als eine reine Standortentscheidung: Es ist ein Indikator für einen tiefgreifenden Strukturwandel im europäischen Modehandel, bei dem Onlinevertrieb, Kosten- und Konkurrenzdruck Hand in Hand wirken.
Was genau steht an?
Die angekündigten Schließungen betreffen fast jeden sechsten Standort in Spanien und betreffen nach Unternehmensangaben etwa 500 Stellen. H&M will weniger kleine Geschäfte schließen und stattdessen in größere, verkehrsgünstig gelegene Flagship-Stores investieren sowie seine digitale Infrastruktur ausbauen. Ziel ist ein «hybrides» Modell, das Online- und Offline-Angebote stärker verzahnt.
Warum dieser Schritt?
Die Entscheidung ist das Ergebnis mehrerer, gleichzeitig wirksamer Faktoren. Kurz zusammengefasst:
- Verändertes Einkaufsverhalten: Kundinnen bestellen zunehmend mobil, klassische Ladenfrequenz sinkt.
- Wettbewerb durch Preisplattformen: Schnell rotierende Anbieter aus Asien setzen auf sehr niedrige Preise und hohe Artikelfrequenz.
- Kostensteigerungen: Mieten, Personal- und Energiekosten erhöhen den Druck auf marginale Standorte.
- Effizienzbedarf im Filialnetz: H&M strebt größere Flächen mit höherer Kundenfrequenz an, um Serviceangebote zu bündeln.
Die strategische Neuausrichtung
H&M setzt nicht nur auf Schließungen: Das Konzept lautet, stationäre Präsenz sinnvoll zu bündeln und digitale Stärken auszubauen. Wichtige Elemente sind:
- Flagship-Stores: Große Häuser als Sichtbarkeits- und Erlebnisorte.
- Omnichannel-Services: Click & Collect, Retouren vor Ort, Terminalbestellungen und Verzahnung mit dem Online-Shop.
- Service-Angebote: Tests mit Reparaturservices, Second-Hand-Programmen und kleineren Näh- oder Änderungsbereichen.
- Markenpositionierung: Fokus auf Nachhaltigkeit, kuratierte Kooperationen und bessere Beratung statt reiner Preiskonkurrenz.
Konkrete Folgen für Städte, Beschäftigte und Kundinnen
Wenn ein großer Anker wie H&M verschwindet, sind die Effekte lokal spürbar: weniger Laufkundschaft, steigende Leerstände und Druck auf umliegende Geschäfte. Für Mitarbeitende ergeben sich drei typische Szenarien:
- Versetzung innerhalb des Netzes: Möglich bei nahen, offenen Standorten — abhängig von Schichtmodellen und Transportmöglichkeiten.
- Beschäftigungswechsel: Wechsel zu Wettbewerbern oder in andere Handelsbranchen, häufig mit Lohneinbußen oder veränderten Arbeitszeiten.
- Neuorientierung: Umschulung oder Einstieg in andere Sektoren wie Logistik, Gastronomie oder Pflege.
Wie Kommunen reagieren können
Städte und Gemeinden müssen aktiv werden, um negative Spiralen zu verhindern. Bewährte Maßnahmen sind:
- Förderung von Mischnutzungen (Wohnen, Büros, Kultur) in leerstehenden Ladenflächen.
- Flexible Mietmodelle und Pop-up-Programme zur Belebung kurzzeitiger Konzepte.
- Förderung lokaler Händler mit Profil (z. B. Beratungsqualität, Nachhaltigkeit oder Spezialisierung).
Was Verbraucherinnen jetzt tun können
Für Kundinnen und Kunden verändern sich Sortiment, Preise und Service. Wer den lokalen Handel unterstützen oder eigene Einkaufsrisiken minimieren will, sollte folgendes beachten:
- Gezielter einkaufen: Qualität vor Quantität; lokale Anbieter mit klarer Position belohnen.
- Signale lesen: Stark reduzierte Verkaufsfläche, häufige Rabatte oder ausgedünnte Warenpräsentation können Vorboten einer Schließung sein.
- Service nutzen: Click & Collect oder lokale Abholpunkte entlasten den Onlineversand und stärken den stationären Handel.
- Nachhaltigkeit prüfen: Second-Hand-Programme und Rücknahmesysteme bevorzugen, wenn sie gut organisiert sind.
Welche Lehren für Deutschland und Österreich?
Die spanische Entscheidung ist kein Einzelfall: Auch in Frankreich gab es zuletzt eine spürbare Reduzierung von H&M‑Filialen. Im deutschsprachigen Raum ist die Lage noch vergleichsweise stabil, doch die Rahmenbedingungen – sinkende Innenstadtfrequenz, steigende Kosten, starke Onlinekonkurrenz – sind dieselben. Für Handelsunternehmen, Beschäftigte und Kommunen gilt:
- Filialnetz regelmäßig auf Nachhaltigkeit und Ertragskraft prüfen.
- Digitale und stationäre Kanäle sinnvoll verzahnen statt sie gegeneinander auszuspielen.
- Politik und Stadtplanung sollten frühzeitig Konzepte gegen Leerstand entwickeln, statt reaktiv zu handeln.
Die Schließung von 28 H&M-Filialen in Spanien ist mehr als ein logistischer Eingriff: Sie zeigt, wie schnell etablierte Handelsmodelle unter Druck geraten können. Entscheidend wird sein, wie Unternehmen, Beschäftigte und Städte auf diese Dynamik reagieren — durch Anpassung, Kooperation und gezielte Investitionen in Erlebnisse und Services, die online allein nicht abbildbar sind.
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